Die Wissenschaft hat bewiesen …

Viele (Fernseh-)Journalisten schämen sich gar nicht, diesen Ausdruck zu gebrauchen, weil sie gar nicht mitkriegen, wie primitiv er ist. Andere betreiben bewusst Volksverdummung.

Stephen Hawking tut es nicht. Sein populärwissenschaftliches Buch „A Brief History of Time“ („Eine kurze Geschichte der Zeit – Die Suche nach der Urkraft des Universums“) wird oft als Referenz für das gängige Weltbild (es gibt keinen Gott, alles ist durch Zufall entstanden, Evolution, usw.) genommen. Es wurde sogar verfilmt – leider nur auf die übliche Medienweise („Die Wissenschaft hat bewiesen …“). Wer sich die Mühe nimmt und das Buch liest, wird feststellen, dass dies gar nicht Stephen Hawkings Denkweise entspricht. Anstatt von ideologisch geprägten Falschbehauptungen gebraucht er regelmäßig Ausdrücke wie „dieses Phänomen wird häufig so interpretiert, dass …“ oder „viele Wissenschaftler sehen es so, dass …“. Er bekennt sich nicht einmal zum Atheismus, für dessen Bannerträger er häufig gehalten wird (wie der Fernsehmoderator Carl Sagan in seiner Einführung schreibt: „ein Universum, … nichts [hat], was einem Schöpfer zu tun bliebe.“1). Vielmehr schreibt er in dem Stil, wie etwa „Diese Gesetze mögen ursprünglich von Gott gefügt worden sein, doch anscheinend hat er …“ oder „Gott mag wissen, wie das Universum begonnen hat, aber wir können keinen triftigen Grund für die Annahme nennen …“. Steven Hawkings ist also – im Gegensatz zu Carl Sagan und den meisten „Wissenschafts“-journalisten – der Grenzen seiner eigenen (übrigens: genialen) Überlegungen sehr wohl bewusst, und dass all die wissenschaftlichen Theorien (Urknall, Evolution, selbst Relativität oder Quantentheorie) nur Modelle sind, die die Realität mehr oder weniger zufriedenstellend beschreiben. Die Vorhersagen seien nur bis zur erreichten Messgenauigkeit exakt – oder aber auch nicht, und dann ist es Zeit, neue (in irgendwelchem Sinne „bessere“) Modelle zu entwickeln.

Die in den Medien (und leider auch in den Schulen) oft gehörten Aussagen der Art „Der Alter der Fossilien ist 60 Millionen Jahre“ sind also zutiefst unwissenschaftlich (ich meine, primitiv). Ein Wissenschaftler würde so etwas nie aussprechen – vielmehr „Der 14C-Alter der Fossilien ist 60 Millionen Jahre“. Die erste ist eine willkürliche Behauptung, die zweite ist ein Messergebnis. Der Unterschied ist in unserer mediengeprägten Kultur leider nicht bewusst und daraus ergibt sich ein pseudowissenschaftlicher Irrglaube. Steven Hawkings tut etwas in seinem Buch dagegen, selbst wenn es oft missbraucht wird.

Echt lesenswert, auch für Nichtmathematiker.

Eine kurze Geschichte der Zeit 


1 Die Behauptung ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Hawking entwickelt tatsächlich ein Weltmodell ohne Singularitäten (d.h. ohne Urknall – mit „imaginärer Zeit“, in der man sich nach vorne und hinten bewegen kann) um zu zeigen, dass man auch ohne einen Anfang („Schöpfungsakt“) zurechtkommt. Allerdings ist es für ihn offensichtlich, dass das nur eine Spielerei ist, weil es überhaupt keine Chance gibt zu erfahren, ob unserer Realität irgendetwas mit dem Modell zu tun hat.