4. Februar 2013

D. H. Lawrence: Erzählungen

Meine Sammelwut (für Medien) produziert oft gute Früchte. Nicht nur, dass es Spaß macht, meine DVDs und Filmdateien zu ordnen und zu katalogisieren, meinen Blick über mein Bücherregal (mit großteils noch ungelesenen Büchern von mir gar unbekannten Autoren) streifen zu lassen oder CDs von meinen Freunden (natürlich im Rahmen der 7-Freunde-Regelung) in mp3 zu konvertieren. Es kommt oft vor, dass ich einen Schriftsteller entdecke, und dann freue ich mich, ihn zumindest als Ebook in meiner Sammlung zu finden.

Das ist mir mit D. H. Lawrence geschehen. Ich nehme gerne Literaturverfilmungen vom Fernsehen auf. Nachdem ich Lady Chatterly angeschaut und positiv bewertet hatte, lud ich den Erzählungsband Wer die Inseln mochte vom Autor auf mein iPad und jetzt bin ich dabei, die Novellen zu lesen. Es ist schon beeindruckend, wie sehr die Geschichten des mir zuvor unbekannten Schriftstellers mich auch tagsüber in Gedanken beschäftigen. Gar nicht so sehr die etwas trivialen Liebesgeschichten (er schreibt typischerweise romantisch-erotisch, auch der Film war so, jedoch ohne auch nur einen Hauch von Pornographie), sondern die sie umfassenden Lebensbilder. Eine ansonsten uninteressante Landschaft und Zeit (das Bergwerkgebiet im Mittel-England im oder nach dem ersten Weltkrieg – offenbar die wohlbekannte Heimat des Schriftsteller): viel Armut, gar Elend, Bergarbeiter, Bauern, anglikanische Pastoren, alte kranke Leute, die unter Umständen sterben, wie heute nach 100 Jahren kaum noch vorstellbar. Dabei immer die Liebschaften von jungen Leuten, die brav (wie damals üblich) im Heiraten enden. Aber das Entscheidende ist, die intensive Darstellung der tiefen Beweggründe der Protagonisten, die sie zu ungewöhnlichen und unerwarteten Handlungen (bis hin zum Mord) treiben, um ihre (Liebes-) Ziele zu erreichen. Häufig sind die Konflikte zwischen zwei oder mehr Frauen, öfters schon über die erste Blüte hinaus, deren in der Zwischenzeit ausgeglichenes Leben vom Romantisch-Erotischen durcheinandergewirbelt oder gar weggespült wird. Die Szenen bleiben in einem haften und begleiten ihn den ganzen Tag. Immer wieder die Frage dabei: Wie würde ich mich in der Situation verhalten? Gar nicht die moralische Beurteilung, weil die Beweggründe so klar ausgearbeitet sind, dass die Frage danach überhaupt nicht gestellt wird.

Ein moderner Liebender

Ein Industriearbeiter kehrt sehnsuchtvoll aufs Land heim und findet seine ehemalige Geliebte in der Gesellschaft ihres neuen Bewerbers. Ein Wortduell zwischen den beiden Männern reißt sie hin und her zwischen ihren nostaligischen Erinnerungen an die stürmische Vergangenheit und Erwartungen an eine ruhige Zukunft. Schließlich muss sie sich entscheiden.

Streikhilfe

Ein einfältieger Berarbeiter verliert seine mickrige Streikhilfe auf dem Nachhauseweg. Ihm ist es bange, ohne das Geld seiner schwangeren Frau und scheußlichen Schwiegermutter zu begegnen. Sie reagieren erwartungsgemäß.

Ein lebendiges Lebensbild.

Der preußische Offizier

Disziplin und Einhaltung aller Formalitäten charakterisieren die Beziehung zwischen dem Offizier und seinem Diener (deswegen preußisch). Sie verhindern jede menschliche Annäherung in einem Alltag, wo Nähe natürlich wäre. Die Folge: Ein unausgesprochener, mit aller Gewalt heruntergedrückter, beiderseitiger Hass – mit Todesfolge.

Die Töchter des Pastors

Die zwei Mädchen werden erzogen, etwas Besseres als ihr armseliges Umfeld in der Bergwerklandschaft zu sein; selbst wenn das armselige Pastorengehalt das nicht deckt. Die ältere heiratet nun gegen ihre weibliche Natur, um dem Elend zu entfliehen. Die zweite schwört, den zu heiraten, den sie liebt. Ob das klappt?

Die Fahrkarten, bitte

Sieben junge Frauen leisten Schaffnerdienst an einer elektrischen Straßenbahn entlang der Bergwerkregion. Das Publikum – dementsprechend; die Waggons sind meistens überfüllt. Der junge, attraktive Kontrolleur sitzt wie ein Hahn im Hühnerstall und hat freie Auswahl, die er gründlich ausnutzt. Das kann nicht lange gut gehen, da die Frauen miteinander sprechen.

Der Fuchs

Zwei dreißigjährige Freundinnen, die wohl keine Aussicht mehr auf Ehelichung haben, führen einen Farm mit magerem Erfolg. Der zwanzigjährige Enkel des früheren Besitzers kehrt aus Kanada zurück und übernachtet (mangels Alternative) im Haus. Er hilft bei der Arbeit und damit die beiden etwas aus dem Elend. Schließlich bleibt er dort hängen. Er verliebt sich in die eine; die andere ist deutlich stärker und nicht einverstanden. Wie setzt er seinen Willen durch?

Die Sonne

Eine blasse New Yorkerin wird von ihrem Arzt mit ihrem kleinen Sohn in das sonnige Griechenland geschickt, wo sie das Nacktbaden in der Sonne entdeckt. Ihre Weiblichkeit blüht auf; sie beeindruck auch ihren Mann, der sie besucht. Sie möchte ihr nächstes Kind aber lieber vom sie aus der Ferne beobachtenden jungen Bauern bekommen. Ein Wunsch, der unerfüllt bleibt.

Eine Frau, die von dannen ritt

Eine melancholische Geschichte: Die Frau aus Berkley heiratet einen Silberminenbesitzer in Mexiko. Sie lebt mit ihren zwei Kindern auf seinem Anwesen im weiten Land, mit nur raren Kontakten zur Außenwelt. So ein seltener Besucher berichtet ihr von wilden Indianerstämmen mit eigenartigen Göttern. Da reitet sie von dannen. Sie erreicht den Stamm, wo sie längere Zeit gefangen gehalten wird; hier spricht nur ein junger Indianer spanisch. Er berichtet ihr von den Geschehnissen um sie herum, vom religiösen Verständnis, von Legenden über Sonne und Mond, die von den Weißen gestohlen wurden – eigentlich ein Kauderwelsch, für unsere Logik kein Sinn dahinter. Vom Moment ihres Verschwindens an reitet sie ihrem Tod entgegen, immer tiefer in einen Dämmerzustand versunken, der auch durch die Rauschmittel der Indianer verstärkt wird. Daher ergibt sie sich bereitwillig ihrem Schicksal – dabei entsagt sie zunehmend auch ihrer Weiblichkeit. Wo der Tod sie erreicht, opfert sie sich gerne diesen Kauderwelsch-Göttern.

Lächeln

Nicht erwähnenswert.

Wer die Inseln mochte

Die Novellen scheinen in chronologischer Reihenfolge zu stehen: D. H. Lawrence ist hier nicht mehr so jung und von weiblicher Erotik so bewegt wie bei den ersten. Deswegen diesmal ein (wohlhabender) Mann, der ebenfalls (wie die Frau, die von dannen ritt) seinem Tod entgegen wandert. Er kauft sich eine Insel, richtet darauf einen Betrieb mit Landwirtschaft u.ä. ein, der ihm aber nur Verluste beschert. Nachdem ihn von seinen Leuten einer nach dem anderen verlässt, zieht er mit den Treuesten auf eine kleinere Insel um. Nach einer weiteren Pleite auf eine noch kleinere. Er entsagt zunehmend der Welt und schließt sich mehr und mehr in seine Insel-Einsamkeit ein. Zum Schluss sieht er dem Tod ganz allein entgegen.

Die hinreißende alte Frau

Sie ist in der Tat alt, und auch hinreißend: Sie hält sich hervorragend in Schuss. Diszipliniert, zumindest unter Leuten. Alleine ist sie nur alt. Sie hält nicht nur sich sondern auch ihre Hausgenossen in Schuss: ihren Neffen und ihre Stieftochter, schon in ihren Dreißigern, einander sogar zugeneigt. Wie erträgt sie es, wenn sie zueinander finden?

Das Schaukelpferd des Glücks

Ein Junge will – anders als seine Mutter – Glück. Er reitet sein Holzpferd bis zum Gehtnichtmehr und findet dabei (auf mysteriöse Weise) gelegentlich heraus, welches Pferd das nächste Turnier gewinnen wird. Das gewonnene Geld wird von der Mutter verprasst. Ob der letzte große Schuss gelingt?

Eigentümer

Ein freiheits- und kunstliebendes amerikanisches Ehepaar findet Europa hinreißend. Sie ziehen nach Paris, haben es aber nach einiger Zeit satt. Italien ist noch hinreißender: Sie richten sich an der Arne mit alten Möbelstücken nach ihrem überfeinen Geschmack ein. Nach einer Weile kehren sie nach Amerika zurück; ihr Geld reicht aber nicht, ihrer Möbelsammlung eine würdige Umgebung zu schaffen – sie hangeln sich von Küste zu Küste, es geht mit ihnen aber abwärts. Schließlich muss er doch eine Stelle an der Universität annehmen und sie müssen auf ihre Freiheit verzichten – dafür können sie ihr Eigentum (die Antiquitäten) genießen.

Der Mensch, der starb

Die Erzählung erinnert mich an The Last Temptation of Christ des griechischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis, (nach dem der Flughafen auf Kreta benannt wurde) – sie ist eine Alternativgeschichte von Jesus. Es wäre allerdings nett gewesen darauf hinzuweisen (wie Nikos Kazantzakis in seinem Vorwort), dass es sich hierbei um schriftstellerische Phantasie und nicht um die Umdeutung des Neuen Testaments handelt (etwa, dass Jesus zu früh und noch lebendig vom Kreuz genommen wurde). Ansonsten ist sie nicht überragend phantasiereich, höchstens die verschwommene, verträumte Grundstimmung, die einen befallen dürfte, wenn er vom (Fast-) Tod zurückkommt. Warum er dann von seinem Evangelium abrückt und es nicht mehr für wichtig hält, die Menschen zum Besseren überzeugen zu wollen, wird auch zum Schluss nicht klar – höchstens vom heutigen Toleranzverständnis her.

Der zweite Teil wird dann richtig kitschig und ist noch weniger authentisch: Er ergibt sich der Liebe mit einer Isis-Priesterin und damit auch der ägyptischen Gottheit – undenkbar, nicht nur nach den neutestamentlichen Berichten und der jüdischen Kultur von damals.


Trotz alledem: ein guter Novellist. Als nächstes will ich von ihm etwas Längeres lesen. Den Roman Der Geliebte der Lady Chatterley habe ich schon heruntergeladen.

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