Sonntag, 10. April 2011

Joseph und seine Brüder

Ich lese Joseph und seine Brüder von Thomas Mann das zweite Mal nach 20 Jahren wieder. Schon ein ziemliches Unterfangen, mit gut 2000 Seiten zwei dicke Bände. Ich sitze dran schon seit zwei Monaten, aber schreite täglich nur 2-3 Kapitel vorwärts, um es auszukosten und zu verdauen. Ich habe angenehme Erinnerungen an es, deswegen habe ich es auch das zweite Mal in die Hand genommen, aber dass es so gut ist, das wusste ich nicht mehr. Wirklich, jeder Satz ist ein extra Genuss. Schade, dass Bücher für mich heilig sind und ich die besten Gedanken nicht angestrichen habe, dann könnte ich in Zukunft zitieren oder darauf Bezug nehmen.

Am vertrautesten sind für mich die biblischen Beschreibungen: Jakobs Geschichten und Der junge Joseph. Der Autor muss tief recherchiert haben, oder aber kennt das Umfeld so gut, dass das, was ich aus der Thora (den Mose-Büchern) kenne, völlig konsistent durch seine Beschreibungen ergänzt und bereichert wird. Er nimmt sich natürlich die künstlerische Freiheit, Geschichten und Personen hin- und herzuschieben, aber die Kultur, die Denkweise der Menschen, die orientalische Welt ist völlig plausibel und glaubhaft.

Wo er dann die ägyptische Lebensweise, Religion und Geschichte auseinandernimmt und aufbaut, ist es nicht mehr so vertraut (höchstens, wenn Mika Waltaris Sinuhe durchscheint) und da muss ich ihm glauben, dass er sich darin ähnlich gut auskennt. Stellenweise ist es hier etwas langweilig, wird aber durch die bekannte und mit Phantasie bereicherte Geschichte immer wieder aufgelockert.

Auffällig ist in dem Ganzen sein Gottesbild. Thomas Mann scheint ein implizit bekennender Atheist zu sein. Das heißt, er sagt das nirgendswo, aber seine Argumentation und Erklärungen sprechen dafür. Offenbar ist sein Denken von der (heute nicht mehr so aktuellen) Bultmannschen Theologie geprägt, die keine Existenz Gottes voraussetzt, um die Phänomene des Glaubens zu erklären. Dies kommt auch in seinen anderen Romanen, z.B. in Das Gesetz zum Vorschein. Das Lustige ist aber, dass der Autor sich immer ein kleines Türchen offen lässt. Die Dinge sind so und so, das wissen wir, erklärt er, aber vielleicht doch nicht ganz – scheint es immer wieder durch und er berichtet über Wunder, erfüllte Verheißungen, Einsichten und Erfahrungen, die von seiner Theologie doch nicht gedeckt werden. Meine Vermutung, dass ganz viele bekennende Gottesleugner wohl so ähnlich denken: Oberflächlich haben sie für alles eine rationelle Erklärung, aber tief in ihrem Herzen gibt es eine Ahnung, dass die Dinge vielleicht doch nicht so einfach liegen. Nur halt Thomas Mann lässt es auch durchscheinen.

Besonders deutlich ist dies in der Gottesbeziehung, die er Joseph in den Mund legt. Es wundert mich immer wieder, woher wohl ein Nichtgläubiger so tiefe Einsichten und Erkenntnisse über das Wesen Gottes erworben hat, wie ich Ihn kenne. Er beschreibt so ausführlich und tiefsinnig die Motivation Josephs, aus seiner Beziehung mit Gott heraus so und nicht anders zu handeln, dass es mir scheint, er müsste das selber so erlebt haben. Oder aus irgendwelcher sehr authentischen Quelle muss er ganz viel verstanden haben.

Meine Vermutung ist, dass die Quelle wohl seine Frau sein könnte. Sie war ja bekanntlich jüdisch. Und wenn gläubig, dann muss sie diese Gottesbeziehung gekannt haben. In der Christenheit hat dieser Ansatz auch erst in den letzten fünfzig Jahren eine breite Basis gewonnen, nachdem (vielleicht auch durch das Holocaust-Trauma und die Gründung des Staates Israels) sich immer mehr Christen dem Volk Gottes zuwenden, aus ihrer Frömmigkeit lernen und sich selbst als jüdisch-christlich verstehen. Seitdem entstehen immer mehr messianisch-jüdische Gemeinden und gläubige Rabbis nehmen einen entscheidenden Einfluss auf das Gottesverständnis eines breiten Teils der Christenheit. Auch meine Gottesbeziehung wurde durch Berührungen mit ihnen immer wieder modifiziert – und zwar in die Richtung, die Thomas Mann in seinem Protagonisten beschreibt. Selbst seine (völlig unreligiöse) Toleranz den ägyptischen Gotteskulten gegenüber, in denen er immer wieder die Offenbarung des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs entdeckt, kann ich gut nachempfinden.

Thomas Mann ist ein erstaunlicher Autor. Joseph und seine Brüder soll freilich nicht das erste Buch sein, das man von ihm liest. Zum Warmwerden beginnt man am besten mit seinen Novellen: Herr und Hund, Eisenbahnunglück oder Der kleine Herr Friedemann – diese sind leicht zu lesen und enthalten schon ein Stück von der Art, wie er tiefe und bedeutsame Gedanken zum Ausdruck bringt. Dadurch bekommt man Lust auf Die Betrogene, Die Erwählte und Die Buddenbrooks, selbst wenn das Letztere deutlich dicker ist. Diese lesen sich leicht, aber man entdeckt, dass sie nicht flach sind. Eine Motivation zu  den Buddenbrooks könnte auch die Verfilmung sein, allerdings viel eher die klassische mit Liselotte Pulver als die neue.

Irgendwann nach Tod in Venedig und Joseph und seine Brüder kommt Der Zauberberg, der ereignisloseste Roman der Weltgeschichte, mit dem ich aber am Abend lesend nicht aufhören konnte. Den Höhepunkt habe ich aber im Doktor Faustus erreicht, der allerdings eine echte Herausforderung ist – gar kein Roman, eher ein sehr langes Essay. Während man sich bei Joseph und seine Brüder nur durch die ersten hundert Seiten („Höllenfahrt“) durchkauen muss, liest sich danach die Geschichte selber, hört dieses Gefühl der harten Arbeit beim Doktor Faustus bis zum Schluss nicht auf. Es ist wie moderne Musik, von der der Roman ja handelt (er erstand aus der Freundschaft zwischen Thomas Mann und Arnold Schönberg). Es heißt, wir hören solche Musik nicht, um sie zu genießen, sondern um unseren Geist zu bilden. So ist es auch mit dem Buch. Es gelesen zu haben verändert einen. Man hat verstanden, warum es wertvoll ist, unseren Geist zu bilden. Man fängt an, Honegger und Strawinsky (und so Doktor Faustus auch) genießen zu können.


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