4. Februar 2013


Alberto Moravia: Inzest

Moravia ist schon was Besonderes. Es ist nicht ganz einfach ihn anzufangen: Es kommt einem recht umständlich vor, wie er in seinen Romanen die Dinge beschreibt, oder besser gesagt, entwickelt. Speziell hier: äußerst ausführlich, mit allen Details, tief nach den Ursachen von allem forschend. Der Titel bezeichnet den Grund dafür. Nicht der deutsche, der gefälscht wurde, damit sich das Buch besser verkauft. Zugegeben, ich wurde auch dadurch motiviert; er passt zu Moravia, der damals dadurch bekannt wurde, dass er recht freizügig mit sexuellen Darstellungen umgeht. Auch hier scheint er ein Tabuthema anzufassen, das einen irgendwie zum Anfangen reizt. Es gibt tatsächlich Inzest in der Geschichte, oder zumindest eine Art: Ein Mann begehrt seine Stieftochter; die Anziehung ist sogar gegenseitig, aber eigentlich passiert gar nichts. Vielleicht mal ein Kuss oder eine engere Berührung. Aber das ist gar nicht der Punkt, das ist nur der deutsche Titel. Der originale heißt L’Attentione, sinngemäß Das Achten. Damit würde man natürlich das Buch deutlich schlechter verkaufen können. Aber er bezeichnet, worum es im Roman geht und rechtfertigt die äußerst langwierigen Beschreibungen, Beobachtungen, Analysen. Die einen dann doch mitreißen und sogar faszinieren.

Ich habe beim Lesen nachgedacht und nach einem Wort gesucht, womit ich den Roman charakterisieren könnte. Da kam mir das Wort abstrus, dessen genaue Bedeutung mir gar nicht klar war, das aber doch das ganze Lesegefühl bezeichnet. Gar nicht das Erotische oder das Psychische: Die Attentione ist so intensiv, dass es schon abstrus ist. Moravia bedient sich dabei recht abstruser Mittel. Die Form ist ein Tagebuch, angeblich als Materialsammlung für einen zukünftigen Roman des Protagonisten. Dabei werden (gelegentlich erotisch motivierte) Episoden äußerst ausführlich beschrieben. Der Eintrag vom nächsten Tag besagt aber, dass sie gar nicht stattgefunden haben, und dann kommt die Analyse, warum wohl er sie doch auf diese Weise beschrieben hat. Ist das nicht abstrus?

Moravias Nihilismus greift dabei durch, indem beim immer tiefer Graben nichts anderes gefunden wird als Nichts. Die Attenzione bringt nichts anderes als das Beobachten selbst. Achten als Selbstzweck. Nicht schlecht, aber abstrus.

Na ja, und das Ende: Eigentlich kann man gar nichts anderes erwarten. Nämlich gar nichts. Das Ganze hat wenig Sinn: nichts als Materialsammlung für einen Roman, der dann doch nicht geschrieben wird. Sie selbst ist der Roman.

Trotz und mit all dem lesenswert. Faszinierend, es beschäftigt einen auch zwischendurch. Was allerdings auch nichts anderes bringt als gar nichts.


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