4. Februar 2013


D. H. Lawrence: Der Geliebte der Lady Chatterley

Die Novellen sind besser zum Lesen. Sie sind kürzer, daher haben sie nicht so viel Platz für die englische Ausschweife. Es scheint in der Tradition der britischen Literatur (z.B. Thackeray, oder aber auch Joseph Conrad) zu stehen, alles so ausführlich und teils überlang zu erörtern, dass man immer wieder zum Diagonallesen verführt wird. Insbesondere, wenn z.B. die Leere des Gelabers in der Oberklasse illustriert werden soll. Dann bekommt man aber (möglicherweise zurecht) das Gefühl, nicht alles mitzubekommen und die große Linie des Romans verpasst zu haben. Aber wenn das Buch dazu verführt, dann ist es selber schuld.

Das Ende ist blöd: Es hört fast mitten im Satz auf. Wie es ausgeht, ob Lady Chatterley und ihr (aus der Unterklasse bis zur Mitte aufgestiegener) Geliebter miteinander bleiben oder nicht und der unfruchtbare Ehemann (der reiche, aristokratische und aktive Minenbesitzer) alleine, ob ihr Kind nun Erbe der Chatterleys wird, ist aber doch einigermaßen klar und auch nicht so wichtig. Wichtig ist, wie und warum es dazu gekommen ist.

Und deswegen ist es gut. D. H. Lawrences Stärke, die intensive Darstellung der menschlichen Beweggründe für die Handlung, kommt voll durch – wie gesagt, sogar etwas übervoll. Die Entwicklung und die Schwankungen dabei sind nicht immer kristallklar, aber das kann am stellenweise Diagonallesen liegen. Der Erzähler hüpft dabei ziemlich inkonsequent zwischen den Protagonisten hin und her: Er berichtet vom (kriegsbehinderten) Ehemann im Motor-Rollstuhl, dann springt er plötzlich zum Forster-Geliebten und der Grund für den Sprung ist nicht erkenntlich. Der Zusammenhang zwischen den zwei Personen ist zwar deutlich, nämlich die Ehefrau, deren hin- und herzappelnde Gedanken und Gefühle dabei auch immer wieder eingeblendet werden – ein bisschen wirr. Vielleicht wie ihre Emotionen. Also gönne ich es ihm und lese ihn gerne.

Der Film ist eigentlich besser. Dort musste die Dramaturgie überarbeitet und die vielen (für die große Linie überflüssigen) Details weggelassen werden bzw. vieles wurde implizit, z.B. bildlich dargestellt – so auch das Oberklassengelaber. Die Beweggründe konnten zwar nicht so ausführlich ausgearbeitet werden, sind aber doch mehr oder weniger erkennbar. Jedenfalls ist er eine gute Motivation, das Buch in die Hand zu nehmen.


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